Biographie

Die nachfolgende Biographie wurde vom Verfasser gründlich recherchiert, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Fehlerfreiheit. Sie hat lediglich den Zweck, dem Leser die Figur Johann Bessler etwas näher zu bringen und dadurch die Realität zu erschaffen, die es braucht, um sich mit seinem Gravitationsrad gedanklich zu beschäftigen. Je größer die Zahl der Menschen ist, die das tun, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Funktionsprinzip des Besslerrades eines Tages neu entdeckt werden wird. In diesem Kontext wurde darauf geachtet, die Biographie auf solche Sachverhalte und Begebenheiten zu beschränken, die mit dem Besslerrad in irgendeiner Weise zu tun haben. Alles andere wurde ganz bewusst weggelassen.

Johann Ernst Elias Bessler wurde 1680 nahe Zittau als Sohn eines Tagelöhners geboren. Das genaue Datum ist nicht bekannt. Auch die Jahreszahl ist nicht verbrieft, denn in einem Kirchenverzeichnis soll angeblich 1679 als Jahr der Taufe vermerkt sein. Eine andere Quelle spricht von 1681. Zittau gehörte bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein zu Böhmen. Im Jahr 1635 wurde die Oberlausitz im Zuge des Prager Friedens dem Land Sachsen zugeschlagen. Dieser Sachverhalt wird deshalb erwähnt, weil die geschichtlichen Zusammenhänge auf einigen englischsprachigen Websites nicht korrekt dargestellt werden. Bessler wird dort als Böhme bezeichnet, obwohl man an den Jahreszahlen leicht ablesen kann, dass Zittau bei seiner Geburt bereits seit 45 Jahren sächsisch war. Es gibt andere, die ihm ohne nähere Erläuterung eine deutsch-polnische Herkunft nachsagen. Zittau befindet sich heute im Dreiländereck Deutschland/Polen/Tschechien. Wie Görlitz musste es 1945 seinen östlich der Neiße gelegenen Teil der Stadt an Polen abtreten.

Bessler erweist sich bereits im Kindesalter als vielseitig talentiert und überdurchschnittlich intelligent. Der damalige Rektor des Zittauer Gymnasiums, Christian Weise*), hat sich seiner besonders angenommen und ihn nach besten Kräften gefördert.

*) Christian Weise war von 1678 bis 1708 Rektor des Gymnasiums in Zittau. Die 1586 als “Lateinschule” gegründete Einrichtung trägt seit 1993 seinen Namen. Weise führte dort als Unterrichtssprache Deutsch ein. Als Dichter der Frühaufklärung schrieb er zahlreiche Bühnenstücke, die er von seinen Schülern aufführen ließ. Da er auch Leiter der Ratsbibliothek in Zittau war, ist die heutige Stadt- und Kreisbibliothek ebenfalls nach ihm benannt.

Es ist überliefert, dass Bessler als junger Mann Medizin studiert hat. Ob das ein Universitätsstudium war und ob er es ggf. erfolgreich abschloss, ist unklar. In einigen Berichten ist davon die Rede, dass er zeitweilig als Arzt gearbeitet hätte. Eine seiner Patientinnen, die jüngste Tochter des Bürgermeisters aus Annaberg in Sachsen, wurde seine (erste) Frau.

Weiterhin wird berichtet, Bessler hätte Theologie und Malerei studiert und sich geistig Leonardo da Vinci verbunden gefühlt. Letzterer hatte sich ungefähr 200 Jahre früher, (vermutlich zwischen 1480 und 1490), gleichfalls mit der Möglichkeit eines “Perpetuum Mobiles” befasst. Er hinterließ Zeichnungen, die Bessler möglicherweise inspiriert haben. Jedenfalls soll sich Bessler ähnlich wie da Vinci mit Mechanik und Architektur beschäftigt und nebenbei das Uhrmacher- und Müllerhandwerk sowie die Orgelbaukunst erlernt haben. Bessler hielt sich als junger Mann auch eine Weile in Prag auf, wo er Kontakte zu einem Jesuitenpater unterhielt. Dieser Einfluss soll ihn geistig sehr geprägt und naturwissenschaftlich orientiert haben. Der Plan, ein “Perpetuum Mobile” zu bauen, ist dort gereift und wurde zu seinem Lebensziel.

Bessler legte sich frühzeitig einen Künstlernamen zu. Es war damals in Mode, den eigenen Namen nach einem Verfahren zu verändern, das neuzeitlich auch als ROT13 bekannt ist. Indem die beiden Hälften des Alphabets untereinandergeschrieben werden, (A bis M und N bis Z), erhält jeder Buchstabe einen zweiten, mit dem er korrespondiert. ROT13 deshalb, weil so jedes Zeichen in dem aus 26  Buchstaben bestehenden Alphabet um 13 Stellen rotiert. Ein simples und leicht zu dechiffrierendes Verschlüsselungsverfahren.

Durch das Austauschen der Buchstaben wurde aus Bessler nun “Orffyre” oder latinisiert “Orffyreus”. Einen Bezug zur lateinischen Sprache herzustellen, hatte jahrhundertelange Tradition. Da Latein als die Gelehrtensprache des Abendlandes mehr Prestige bedeutete, legten sich bis ins 18. Jahrhundert zahlreiche Personen einen lateinischen Namen zu. Wo das möglich war, übersetzte man ihn kurzerhand aus dem Deutschen. Aus Georg Bauer wurde so zum Beispiel der berühmte Georgius Agricola. Bessler hat sich nach der Umbenennung zeitlebens von jedermann mit Orffyreus ansprechen lassen und seine Briefe, Dokumente usw. stets so unterzeichnet. Ihm war das offenbar wichtig, denn sein gesteigertes Bedürfnis nach Bewunderung und Anerkennung ist vielfach dokumentiert. 

Nach zehnjähriger Forschungstätigkeit überraschte Bessler im Alter von 32 Jahren seine Umwelt mit der sensationellen Neuigkeit, er habe das Geheimnis ewiger Bewegung ergründet. Am 6. Juni 1712 präsentierte er in Gera/Thüringen auf dem Gelände des “Richterschen Freihauses” erstmals öffentlich ein durch Gewichte angetriebenes Rad, das sich zeitlich unbegrenzt drehte.

Die Stadt Gera nach dem großen Brand von 1686. Der Pfeil bezeichnet das Richtersche Freihaus. Copyright: Stadtmuseum Gera

Wie man sieht, blieb westlich vom Rathaus nur etwa ein Drittel der Häuser von der Katastrophe verschont. (Das zweite verheerende Feuer von 1780 richtete noch größeren Schaden an und vernichtete nahezu alles.) Das Richtersche Freihaus ist der Ort, wo das Besslerrad 1712 zum ersten Mal einem Publikum vorgeführt wurde. “Freihäuser” hatten früher einen privilegierten Status. Sie gehörten oft Adligen, die an die Stadt, in der sich das Haus befand, keine Steuern zu zahlen brauchten und die direkt der Gerichtsbarkeit des jeweiligen Landes unterstanden. Als größtes Bürgerhaus Geras in Steinbauweise auf dem Nicolausberg errichtet, wurden beim Brand von 1686 nur seine hölzernen Bestandteile einschließlich des Dachs zerstört. Die Außenmauern blieben noch 150 Jahre stehen. Die auf dem nächsten Bild dargestellte Salvatorkirche ist hier naturgemäß noch nicht zu sehen. Sie wurde erst später auf der dem Betrachter zugewandten Schmalseite des Richterschen Hauses direkt auf dem Berg errichtet. Dazu mussten dessen nördliche Mauerteile entfernt werden. Östlich des Bergs, der in der Realität etwas ausgedehnter ist, befanden sich bis weit in das 19. Jahrhundert größtenteils nur landwirtschaftlich genutzte Flächen.  

Derzeit ist ungeklärt, ob das Richtersche Haus nach dem ersten großen Feuer eine vollständige Ruine blieb. Dokumente, die darüber eindeutig Auskunft geben könnten, wurden trotz umfangreicher Recherchen des Verfassers nicht gefunden. Aus Unterlagen des Thüringischen Staatsarchivs in Greiz ist ersichtlich, dass Reinhold Richter am 22. November 1675 das Gebäude für 300 Taler erwarb. Die nächste Eintragung datiert erst wieder vom 5. Februar 1716. Laut Lehnsschein von diesem Tage erbte nach dem Tod Reinhold Richters sein Sohn Conrad Richter das Freihaus. Dieser, ein Hauptmann, geriet kurz darauf mit dem Nachlass in Konkurs. Das aus der Konkursmasse herausgelöste Gebäude erwarben dann die städtischen Viertelsmeister für 400 Gulden als vorbereitende Maßnahme für den geplanten Bau der Salvatorkirche. Zu diesem Zeitpunkt, so wird berichtet, soll das Richtersche Gebäude überwiegend in einem sehr schlechten Zustand gewesen sein.

In diesem Zusammenhang ist denkbar, dass nach dem Brand von 1686 nur ein kleiner Teil des Gebäudes wieder hergerichtet wurde, denn Reinhold Richter besaß in Gera noch ein zweites Haus, in dem er auch wohnte. Möglicherweise hat er Bessler auf dem Gelände der Brandstatt einen verschließbaren Raum überlassen, damit dieser dort ungestört seine Experimente durchführen konnte. Da Bessler in seiner Apologie davon berichtet, dass er das “Wunderwerk bei Richtern auf dem Nickelsberg (er)fand”, kann das Gebäude jedenfalls 1712 keine vollständige Ruine gewesen sein. Der Erfinder erwähnt übrigens, dass er in Gera zuvor ein anderes Zimmer angemietet hatte, dass sich dort aber alsbald der Hauseigentümer über den Lärm beschwerte, der offenbar bei Besslers Experimenten nicht immer zu vermeiden war. 

Ob Teilruine oder nicht, der Ort bot für die Vorführung jedenfalls genügend Platz und war zudem privat. Dadurch gestattete er eine Auswahl der Zuschauer. Das einfache Volk hatte nämlich bei der ersten Veranstaltung keinen Zutritt, da die “Gräflichen Herrschaften” und die anderen “Standespersonen” unter sich bleiben wollten. Der Nicolausberg heißt inzwischen Nicolaiberg und befindet sich im Zentrum der heutigen Großstadt Gera.

Die Salvatorkirche in Gera, eine Ansicht von 1830. Links Ruinenreste des Richterschen Gebäudes. Quelle: Stadtarchiv Gera.

Fünf Jahre nach Besslers Vorführung wurde am 24. August 1717 auf dem Nicolausberg der Grundstein für die Salvatorkirche gelegt. Für den dann folgenden Bau mussten nördliche Mauerteile des Richterschen Hauses weichen. (Die links noch verbliebenen Reste wurden 1837 ganz abgetragen.) Die Einweihung des im Barockstil errichteten Gotteshauses erfolgte 1720. Bereits 60 Jahre später richtete das zweite Geraer Großfeuer schweren Schaden an. Das Gebäude wurde in der Folgezeit mehrfach umgebaut, hat inzwischen eine Innenausstattung im Jugendstil und gilt heute als die bedeutendste Kirche Geras. Auf der rechten Seite ragt das “Schreibersche Haus” empor. Es blieb als einziges Gebäude Geras vom zweiten großen Brand verschont und beherbergt heute das Naturkundemuseum. Schreiber war ein wohlhabender Kaufmann. Ihm gehörten unter anderem die landwirtschaftlichen Flächen im Vordergrund. In einem historischen Plan von 1834 sind sie als “Schreibers Garten” ausgewiesen.

Rechts ein aktuelles Foto der Salvatorkirche, Blick aus Südwesten. Man erkennt, dass das Bauwerk auf einem Hügel steht und dass man zunächst die Treppen erklimmen muss, um zu seinem Eingang zu gelangen. Rechts führt die Straße Nicolaiberg hinauf. Sie verläuft nach ca. 50 Metern dort, wo zur damaligen Zeit Richters Haus stand und wo das Besslerrad seine Weltpremiere erlebte. (Die steinerne Brüstung am rechten Bildrand sowie ihre Lage zur Straße sind für das nächste Foto von Bedeutung.)

Auszug aus Besslers Apologie. (Wie nötig der heutigen deutschen Schriftsprache angepasst):

Bei Richtern auf dem Nickelsberg,
Da (er)fand ich nun das Wunderwerk.
Im Jahre 12 und 17 Hundert,  (1712)
Darüber man sich sehr verwundert.
Von meinem Fleiß wich weg der Fluch,
Mein Werk war hoch dreieinhalb Schuch. (Schuh)
Es pflegte frei und so zu stehen,
Dass jedermann drum konnte gehen.  (drumherum)
Warf ich den Riegel von dem Ritz,
So lief das Rad flugs wie der Blitz.
Wer es begehrte, konnt’ es schieben,
Wo man hin wollte nach Belieben.
Es war dabei gar kein Betrug,
Drum mich auch gar kein Kummer schlug.

Das obige Foto zeigt exakt den Ort, an dem Richters Haus damals stand. Vom erhöhten Terrain der Salvatorkirche aus schaut man hier über die Brüstung und die Straße “Nicolaiberg” hinweg zur anderen Seite. Unter dem Baum sind links des Stamms Teile der Stadtmauer zu erkennen, die seinerzeit in das Richtersche Haus integriert war. Sie endet am Gehweg, denn der Nicolaiberg wäre sonst eine Sackgasse. Da sie auch dem Bau der Kirche im Weg gewesen wäre, wurde sie hier abgetragen.

Bei dem Mauerrest, der rechtwinklig von der Stadtmauer abgeht und der im nächsten Foto vergrößert zu sehen ist, dürfte es sich um einen verbliebenen Teil des Richtersche
Hauses handeln.   

Das Rad hatte also einen Durchmesser von dreieinhalb Schuh, (1 Schuh = 30cm). Es begann, sich schnell zu drehen, sobald die Arretierung gelöst wurde. Wie von Bessler berichtet wird, durften die Schaulustigen das Rad rundherum in Augenschein nehmen und beliebig umherschieben. Auf diese Weise konnte sich jeder davon überzeugen, dass es keine verborgene Kraftübertragung gab. Das Fürstenhaus Reuß-Gera stellte Bessler im Oktober 1712 ein Zertifikat aus, in dem bescheinigt wurde, dass das Rad tatsächlich wie behauptet funktionierte. Den Text dieses Dokuments finden Sie im Beitrag Das “Attestat” von Gera.

Bei Zedler, (historisches Universallexikon), wird im Band 27 ab Seite 283 dazu folgendes berichtet:

Es genoß der Herr Orffyrey, ein geübter Mathematicus und Mechanicus in Sachsen, seit dem Jahr 1712 ein großes Ansehen, da er nach zehnjährigem Fleisse endlich im gedachten Jahre zu Gera im Voigtlande ein vollkommenes Perpetuum Mobile erfunden und in Stand gebracht zu haben, vorgab, wovon das erste Modell 2 und eine halbe Leipziger Ellen im Diameter und 4 Zoll in der Dicke hatte, auch einige Pfund zu heben vermochte, welches er dann öffentlich vor der dasigen Hoch-Gräflichen Herrschaft und anderen Standespersonen, wie auch einigen renommierten Mathematicis und Mechanicis vorzeigte, so auch von einem Ort zum anderen gebracht oder geschoben und allenthalben in Bewegung gebracht werden konnte.

(1 Leipziger Elle = 56 Zentimeter, 1 Zoll = 2.54 Zentimeter)

Später konnte auch die breite Bevölkerung das “Perpetuum Mobile” in Augenschein nehmen. Die Leute waren zwar beeindruckt, erkannten jedoch nicht wirklich dessen Bedeutung. Es gab Kritiker und Zweifler, die das Ganze für einen Trick hielten. Sie glaubten, das Rad würde von einer zuvor aufgezogenen Feder angetrieben. Bessler, der sich eine anerkennende Bewunderung für das Ergebnis seiner experimentellen Forschung erhofft hatte, war frustriert. Eine solche Ignoranz hatte er nicht erwartet. Erschwerend kam hinzu, dass seine Erfindung bald zu einer Art Kirmesattraktion verkam. Die Leute verlangten von ihm, dass er sein Rad immer wieder an Sonn- und Feiertagen zum Zwecke der Volksbelustigung vorführen sollte. Das missfiel ihm, denn er fühlte sich nicht ernst genommen, sondern in die Rolle eines Gauklers gedrängt. Da er den Eindruck hatte, dass sich daran nichts mehr ändern würde, traf er die Entscheidung, von Gera wegzugehen.

Im Jahr 1713 zog Bessler nach Draschwitz. Der Ort liegt nordnordöstlich von Zeitz an der B2. Hier konstruierte er sein nächstes Gravitationsrad. Deutlich größer als das von Gera. Es hatte nun einen Durchmesser von drei Metern und musste mit einem herumgeführten Seil dauerhaft gebremst werden, wenn es zum Stillstand kommen sollte. Wurde das Seil gelöst, begann sich das Rad zu drehen, beschleunigte selbständig bis zu einer Drehzahl von etwa 50 UpM und setzte seinen Lauf danach beliebig lange fort. Die neuen Abmessungen waren Besslers Reaktion darauf, dass man ihm in Gera vorgehalten hatte, sein Rad sei eher ein Kinderspielzeug, und es werde ihm nicht gelingen, ein solches Objekt “in groß” zu bauen.

Aktuelles Luftbild von Draschwitz. Der gelbe Pfeil markiert den Ort, wo Bessler auf einem Rittergut untergekommen war.

Die Nachricht von dem riesigen “Perpetuum Mobile” sprach sich schnell herum und gelangte so auch zu Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz, in dessen Herzogtum Draschwitz lag.*)  Er machte am 14. Juli 1714 einen Besuch bei Bessler, um die Erfindung persönlich in Augenschein zu nehmen. Von der Vorführung war der Herzog äußerst beeindruckt und berichtete nur Tage später dem Mathematiker Leibniz von seiner Besichtigung. Bei dieser Gelegenheit lud er ihn auf sein Residenzschloss ein, um ihm selbst die Gelegenheit zu geben, das Besslerrad kennenzulernen.

*) Zum Hezogtum Sachsen-Zeitz gehörten damals Weida ebenso wie das nicht weit davon gelegene Neustadt an der Orla. Ferner der Vogtländische Kreis mit Plauen und Pausa, die Ämter Arnshaug und Ziegenrück. Sodann Tautenburg, Frauenprießnitz und Niedertrebra sowie ein Teil der Grafschaft Henneberg mit den Städten Schleusingen und Suhl.

Gottfried Leibniz hielt eine Maschine mit ständiger Bewegung zunächst für unmöglich, weil dies seiner Meinung nach den Naturgesetzen widersprach. Er kam im Herbst 1714 auf Einladung von Moritz Wilhelm für vier Wochen  nach Zeitz und stattete Bessler von dort aus ebenfalls einen Besuch ab. Nachdem er das Rad besichtigt und mit ihm experimentiert hatte, bekundete er, dass es tatsächlich funktionierte. Seine anfängliche Skepsis wandelte sich in Bewunderung. Er nannte Bessler fortan seinen Freund, wenngleich dieser ihn nicht in das Geheimnis des verborgenen Mechanismus’ einweihte. Leibniz war deshalb auf Spekulationen angewiesen und vertrat zunächst die Auffassung, der Antrieb müsse durch komprimierte Luft erfolgen. Nach der zur Kenntnis genommenen Tatsache, dass die Bewegung tatsächlich über Stunden erfolgte,  kam er zu dem Schluss, es müsse eine von außen einwirkende Kraft sein, die das Rad in Bewegung hielt. Wenngleich er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, stellte er gedanklich jedoch keine Verbindung zur Erdgravitation her. Die Physik bestreitet bis heute einen solchen Zusammenhang und stellt schlicht in Abrede, dass Besslers Rad je funktioniert hätte.

Historisches Bildnis des Ritterguts, auf dem Bessler sich in Draschwitz von 1713 bis 1714 aufhielt und wo sowohl Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz als auch Gottfried Leibniz das Rad persönlich in Augenschein nahmen.

Zwischen den Bewohnern und Bessler dürfte eine Beziehung bestanden haben, so dass sie ihm dort Unterkunft gewährten und ihm die Möglichkeit gaben, sein neues Rad zu bauen. Jedoch sah er sich in zunehmendem Maße ehrverletzender Beschuldigungen von Kritikern ausgesetzt, die zur  psychischen Belastung für ihn wurden und seine Gesundheit angriffen. In der Folgezeit erkrankte er ernstlich.

Das ehemalige “Herrenhaus” des Ritterguts existiert heute noch. Nachfolgend ein Foto der Gegenwart. Es handelt sich um dasselbe Gebäude, auf das der Pfeil im obigen Luftbild zeigt.

Bei Vorführungen wurde das Innere des Rades von Bessler stets mit einem Wachstuch zugehängt. Mangels vorhandener Patentgesetze hätte es sonst nach seiner Aussage jedermann kopieren können. Diese Maßnahme diente ganz offenbar der Wahrung wirtschaftlicher Interessen, denn Bessler hatte die feste Absicht, seine Erfindung zu Geld zu machen. Sie war aber auch der Grund dafür, dass die Leute misstrauisch blieben und die Geheimniskrämerei eher für ein Betrugsindiz hielten. Die endlose Bewegung des Rades führte schnell zur Äußerung desselben Verdachts, der auch in Gera bereits laut geworden war. Danach konnte es nur ein mieser Gauklertrick sein, mit dem die Leute für dumm verkauft wurden.

So wiederholte sich die Geschichte, die Zahl der Kritiker wuchs. Unter ihnen Andreas Gärtner (1654-1727), ein fähiger und erfahrener Ingenieur aus Dresden, der in Bologna studiert hatte und am sächsischen Hof von “August dem Starken”*) tätig war. Gärtner erschuf u.a. die Weltzeituhr, die heute noch im Dresdner Zwinger bewundert werden kann. Nebenbei baute er allerlei mechanisches Spielzeug. Ironischerweise auch Automaten mit versteckter Energiezuführung. Von seinen Zeitgenossen als “sächsischer Archimedes” bezeichnet, war Gärtner eine angesehene Persönlichkeit. Wen wundert es da, dass er Bessler für einen hergelaufenen Niemand hielt, dem man auf den Zahn fühlen musste.

*) “August der Starke”, wie die Sachsen ihren Landesherrn bewundernd nannten und immer noch nennen, wurde am 12.5.1670 als Friedrich August I. in Dresden geboren. Nachdem sein älterer (erstgeborener) Bruder 1694 unerwartet starb, übernahm er dessen Amt als Kurfürst von Sachsen. Drei Jahre später wird er als August II. zugleich König von Polen. Militärisch bemerkenswert erfolglos, erlangte er zweifelhafte Berühmtheit durch großen Prunk, ein ausschweifendes Leben und insbesondere durch ca. 300 Kinder, die er mit seinen zahlreichen Mätressen gezeugt hatte. Kulturell hat er sein Land nachhaltig geprägt, dabei aber die Staatsfinanzen ruiniert. Er starb am 1.2.1733 in Warschau. 

Gärtners feindselige Haltung gegenüber Bessler hat ihre Erklärung vermutlich darin, dass er sich zusammen mit dem Hofjuwelier Melchior Dinglinger (1664-1731) selbst mit der Entwicklung eines Perpetuum Mobiles beschäftigte und bisher damit gescheitert war. Bessler dürfte für ihn deshalb ein lästiger Konkurrent gewesen sein. Er verfolgte ihn anfänglich mit Spott und dann mit zunehmendem Hass. Er streute bösartige Gerüchte, verleumdete Bessler in diversen Hetzschriften als Betrüger und war so dafür verantwortlich, dass dessen Image bei der Bevölkerung immer schlechter wurde. Bessler sah sich in der Folgezeit aber auch durch andere Personen vermehrt grober Anfeindungen und übler Gehässigkeiten ausgesetzt, die ihn nervlich zermürbten. Hinzu kam, dass das Draschwitzer Gut wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten verkauft werden sollte, dass sich aber partout kein Käufer fand. Im Ergebnis dieser deprimierenden Umstände wurde Bessler ernstlich krank. In seiner Apologie heißt es:

Hierauf so wärt’ es nicht gar lang,
Ward ich in Draschwitz tödlich krank.
   

Nachdem er gemäß eigener Schilderung mit Gottes Hilfe wieder gesundete, kehrte er Draschwitz zum Jahresende 1714 den Rücken. Nach einer kurzen Zwischenstation in Obergreißlau bei Weißenfels zog er dann Ostern 1715 nach Merseburg. Er arbeitete bereits an einem Nachfolger seines Rades. Diesmal sollte es eines werden, das sich in beiden Richtungen drehen konnte. Damit wollte er den Verdächtigungen entgegenwirken, es könnte doch ein Federantrieb sein, der das Rad in Bewegung hielt. Es gelang. Das neue Rad hatte einen Durchmesser von 3.50 Meter und eine Dicke von 30 Zentimetern. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern rotierte es nur noch etwa halb so schnell und lief auch nicht von selbst los. Es musste zum Starten etwas angestoßen werden. Dafür lief es aber tatsächlich links- und rechtsherum. 

Aktuelles Luftbild von Merseburg. Quelle: www.windtour.de

Bei dem großen Gebäudekarree im oberen Bildteil handelt es sich (rechts) um den Dom mit dem angrenzenden dreiflügeligen Schloss. In Letzterem residierte u.a. der erwähnte Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg. Hinter dem Schloss sieht man die nach Norden fließende Saale. Über sie führt ostwärts die Straße nach Leipzig. Der “Grüne Hof” befand sich weiter flussaufwärts am südlichen Rand der Stadt zwischen der Saale und der Straße nach Leuna. (Siehe separater Plan.)     

Doch auch hier konnte sich Bessler seines Erfolgs nicht lange erfreuen. Gärtner hatte sich erneut auf ihn eingeschossen und intrigierte, wo immer ihm das möglich war. Am 22. Juli 1715 drang er morgens mit dem Leipziger Christian Wagner und dem später zum sächsischen Bergrat ernannten Johann Gottfried Borlach*) in das Merseburger Haus von Bessler ein, um in das Innere des Rades zu sehen und damit den mutmaßlichen Betrug zu entlarven. Dies dürfte auch damals bereits als Hausfriedensbruch gegen geltendes Recht verstoßen haben. Dass Gärtner sich darüber hinwegsetzte, macht deutlich, wie ausgeprägt seine Hassgefühle gewesen sein müssen. Bessler, der mit starker Migräne im Bett lag, konnte es angesichts der Übermacht von drei Personen nicht verhindern. Vielleicht hatte er geahnt, dass Derartiges geschehen könnte und hatte vorsorglich wichtige Teile entfernt. Gärtner fand jedenfalls kein funktionierendes Rad vor und fühlte sich dadurch in seinen Vermutungen bestätigt. In der Überzeugung, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben, verkündete er im Land, der Betrug sei jetzt belegt. 

*) Der 1687 in Dresden geborene Borlach lebte zur fraglichen Zeit wie Wagner in Leipzig. Von ihm sind zwei Werke bekannt, in denen er sich kritisch mit Bessler beschäftigte. Auch er hielt ihn für einen Betrüger und legte dar, warum Perpetua Mobilia seiner Auffassung nach nicht funktionieren können. In einer Zeichnung vermittelte er hypothetisch, wie Bessler die Menschen getäuscht haben könnte. Man sieht darauf eine Person, die von einem Nachbarraum aus das Rad über ein Seil in Bewegung hält. Seine Aktivitäten trugen maßgeblich zu der von Herzog Moritz Wilhelm angeordneten Überprüfung von Merseburg bei, die im folgenden Text beschrieben wird.

Durch die gemeinsame Gegnerschaft zu Bessler wurde Borlach mit Gärtner näher bekannt. Jener verschaffte ihm eine Anstellung am sächsischen Hof, wo er bald Anerkennung erlangte und verantwortlich für den Salzbergbau wurde. Borlach hat sich auf diesem Gebiet größere Verdienste erworben und gilt zum Beispiel als der Entdecker der Solequellen in Kösen (später Bad Kösen) sowie in Dürrenberg (heute Bad Dürrenberg). Besonders an letzterem Ort wird das Andenken Borlachs hoch gehalten. Die Stadt Bad Dürrenberg unterhält ein nach ihm benanntes Museum, das “Borlach-Museum” am “Borlach-Platz”. Man zeigt dort die Verarbeitung der Sole bis zum Salz. Außerdem gibt es den als Wahrzeichen der Stadt bekannten “Borlach-Turm”.

Rechts sehen Sie eine an diesem Turm angebrachte Gedenkplatte mit dem Bildnis Borlachs. Er starb mit 81 Jahren in Kösen.
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Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg
     Copyright: Stadtarchiv Merseburg

Besslers Ansehen geriet nun erneut in Gefahr. Glücklicherweise war sein Landesvater, Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg, ein gebildeter und ihm wohlgesonnener Mann. Der Herzog gab die Weisung, in Merseburg eine öffentliche Prüfung des Bessler-Rades zu veranstalten. Damit sollte den Betrugsvorwürfen ein Ende gesetzt werden. Er veranlasste, dass aus Fachleuten eine Kommission gebildet wurde, die die Überprüfung vornehmen sollte. Außerdem wurde angeordnet, dass der Aufstellungsort des Rades im Verlaufe der Prüfung zu verändern sei, um auszuschließen, dass eine verborgene Übertragung äußerer Kraft Ursache der Bewegung war.

Bessler war mit dieser Entwicklung sehr zufrieden und bereitete sich gründlich auf das Ereignis vor. So wurde am Veranstaltungsort ein Holzkasten mit Ziegelsteinen vorbereitet, der von seinem Rad mit einem Seil nach oben gezogen werden sollte. Dazu wurde an einem Dachsparren eine Seilrolle angebracht, über die das Seil laufen und sich mit seinem anderen Ende um die Achse des Rades wickeln würde. Bei früheren Versuchen hatte Bessler festgestellt, dass man auf diese Weise eine Last von 70 Pfund anheben konnte. Er sah der Prüfung zuversichtlich entgegen, denn er erhoffte sich davon einen Zuwachs an Popularität, was ihm bei dem geplanten Verkauf seiner Erfindung nützen würde.      

 

Diese öffentliche Überprüfung fand am 31. Oktober 1715 im “Grünen Hof” nahe der Sixti-Ruine statt.

Historischer Plan von Merseburg

Merseburg gilt als eine der ältesten Städte Mitteldeutschlands. 989 gründete Otto I. hier ein Bistum. Die Bischöfe drückten der Stadt über die Jahrhunderte ihren Stempel auf. Besonders erwähnenswert ist Thilo von Trotha (1466-1514). Die Neugestaltung des an den Dom angrenzenden dreiflügeligen Schlosses geht wesentlich auf ihn zurück. Er spielt auch eine unrühmliche Rolle in der so genannten Rabensage.

Martin Luther predigte 1545 im Merseburger Dom und beschleunigte damit das Ende der katholischen Vorherrschaft. 1561 wurde das Benediktinerkloster aufgelöst und später zum Teil auch abgerissen..

Der “Grüne Hof” war das Anwesen einer wohlhabenden Familie in Merseburg, die mit dem Herzog gut bekannt war und deshalb von ihm gebeten wurde, die Überprüfung auf ihrem Gelände durchführen zu lassen. Da man vorab nicht wissen konnte, welches Wetter am Tag der Veranstaltung herrschen würde, benötigte man einen geschlossenen Raum, der auch genug Platz für die vielen Besucher und Schaulustigen bot.

Der Grüne Hof hatte diese Voraussetzungen. Er befand sich außerhalb der Stadtmauer gegenüber dem Friedhof. Letzteren hatte man bei einer Pestepidemie 1581 vor dem Sixtitor angelegt. Die daneben gelegene Kirche gleichen Namens war zu Besslers Zeiten bereits eine Ruine. Im Dreißigjährigen Krieg zerstört, ist sie bis zur Gegenwart nie wieder aufgebaut worden. Ein Foto der Ruine sowie weitere Einzelheiten zum Grünen Hof finden Sie im Beitrag “Zeitzeugen”.

Durch das nachfolgende Protokoll der Kommission ist überliefert, wie die Überprüfung abgelaufen ist. Die Schilderung wurde zum besseren Verständnis in heutiges Deutsch umformuliert:

“Der Erfinder setzte das Rad mit einem Durchmesser von 6 Leipziger Ellen (3.50m) und einer Dicke von einem Schuh (30cm) in Bewegung. Es ruhte auf demselben hölzernen Gestell, das bereits früher zu diesem Zweck verwendet worden war. Es wurde angehalten und wahlweise in beiden Richtungen beliebig oft wieder  in Gang gesetzt, so wie die einzelnen Mitglieder der Kommission dies wünschten. Die Maschine wurde mit einem leichten Stoß in Gang gesetzt und beschleunigte selbständig, sobald das erste Gewicht im Inneren des Rades heruntergefallen war. Für diesen Anstoß genügten zwei Finger. Nach einer vollständigen Umdrehung erreichte das Rad eine starke und gleichmäßige Rotationsbewegung. Dies war auch dann der Fall, wenn die Maschine einen etwa 70 Pfund schweren Kasten anhob, der mit Ziegelsteinen gefüllt war. Letzteres wurde mit einem Seil bewerkstelligt, das aus dem Fenster geführt wurde. Im Beisein der Kommission hob der Erfinder das ganze Rad von seinem Gestell herunter. Die Holzpfosten sowie die Radaufhängung einschließlich des eisernen Lagers wurden gründlich untersucht. Es konnten keinerlei Anhaltspunkte für einen Betrug festgestellt werden.   

Sodann wurde der Aufstellungsort des Rades verändert, wobei jedes Detail genau beobachtet wurde. Die Maschine konnte anschließend wieder in beiden Richtungen in Bewegung gesetzt werden und war so leistungsfähig wie zuvor. Die Bewegung wurde von den lauten Geräuschen des inneren Mechanismus’ begleitet. Diese hörten jedoch auf, sobald die Maschine zum Stillstand kam.  Es wird besonders erwähnt, dass die Kommission vor Beginn der Untersuchung die Räume oberhalb und unterhalb sowie zu beiden Seiten des Aufstellungsortes in Augenschein nahm. Es wurden keine Anhaltspunkte für einen Riemenantrieb oder Ähnliches gefunden.” 

Das Protokoll weist die Unterschriften der 12 Kommissionsmitglieder auf. Die bekanntesten waren:
Friederich Hoffmann, Medizinprofessor und Gründer der Universität Halle,
Christian Wolff, Schüler von Leibniz und Professor der Universität Halle,
Johann Mencke, Geschichtsprofessor an der Universität Leipzig,
Christoph Semler, Gründer der ersten deutschen Realschule,
Christoph Buchta, Hofrat des Herzogs von Sachsen-Zeitz und Freund von Leibniz.
Johann Adam Caff, Sächsisch-Weißenfelsischer Landbaumeister, Mathematiker und Ingenieur*)

*)
Caff hatte bereits 1712 im Auftrag des Fürstenhauses Reuß-Gera Besslers erstes “Perpetuum Mobile” untersucht und einen Betrug definitiv ausgeschlossen. (Siehe Das “Attestat” von Gera.)


Bei Zedler, (historisches Universallexikon), gibt es dazu einen längeren Bericht. (Rechtschreibung und Interpunktion im Original):

Weil er nun hierbey allerhand Widerrede, Unglimpff, falsche Deutung und Vernichtungen dieses seines Inventi erfahren muste, so stellete er hiermit endlich im Jahr 1715 den 31 October vor Commissarien und Zeugen eine öffentliche Probe an, worzu auf sein Ansuchen von Ihro Hochfürstl. Durchl. dem Hertzog von Merseburg, der Herr Julius Bernhard von Rohr, nebst einem Secretario, zu Commissariis ernennet wurden, zu denen sich viel Fürstl. Beamten, zugleich viel vornehme und gelehrte Zuschauer geselleten; Als Herr Bohse, Sächsischer Geheimer Rath, Herr Leidenfrost, Sächsischer Hofrath, Herr Profess. Hoffmann, Herr Hofrath Wolf aus Halle, Herr Buchda Zeitzischer Hofrath, Hr. D. Joh. Burckhardt Mencke, aus Leipzig, Herr Land-Rath Hübner, von Merseburg, M. Semmler, Ober-Diaconus an der Ulrichs-Kirche, aus Halle, Herr Benit und Herr Wollbaum, Mathematici und andere, von welchen allen das Werck im Augenschein genommen und dem Inventor deßhalb ein schriftliches Attestat unter dero sämtlichen Namen, gedachten 31 October 1715 ertheilet wurde, worinnen sie bekennen, daß die Maschine, so 6. Ellen im Diameter und einen Schuh dicke, zu verschiedenen mahlen, und so oft es die Herren Commissarien und Zuschauer verlangt, rechts und lincks herum gelauffen, so, daß auf erhaltene gantz geringe Hülfe, mit zwey Fingern, ohne die geringste Force, so bald nur ein eintziges von denen im Kunst-Rade verborgenen Gewichtern zu fallen angefangen, die Maschine nach und nach in eine starcke egale Bewegung kommen, auch einen Kasten mit 6 Mauer-Ziegeln, zusammen 70 Pfund schwer, durch einen zum Fenster hinaus bis ans Dach, und von dar etliche Klafter hinunter in den Hof gehenden Zug, so oft mans verlangte bis ans Dach hinaufgezogen, und mit grosser Force in diesem Motu aufgehalten werden müssen, zu geschweigen, daß der Herr Inventor die Maschine ausgehoben, alles besichtiget, und an keinem Orte der geringste Fucus*) bemercket worden.

*) fucus (lat.) = Schein, Falschheit


Unnötig zu sagen, dass die erwähnten prominenten Personen nicht die einzigen waren, die den Ablauf verfolgt hatten. Die Untersuchung des Besslerrades war ein Anlass von großem öffentlichen Interesse und zog viele Schaulustige an. Man hätte annehmen müssen, dass die Zweifel nun für alle Zeiten ausgeräumt waren, doch dem war nicht so. Kaum waren einige Wochen ins Land gegangen, wurden die Gegner erneut aktiv und streuten die alten Verdächtigungen unter das Volk. Bessler hätte dem ein für alle Mal eine Ende machen und das Geheimnis seines Antriebs offen legen können, aber dazu mochte er sich nicht  durchringen. Die ständigen Angriffe beschädigten nachhaltig sein Selbstwertgefühl und setzten ihm psychisch zu. Es wird berichtet, dass er in der Folgezeit unter ernsten Depressionen litt. Auch ärgerte er sich über den Merseburger Magistrat, der ihn mit 6 Pfennig pro Tag besteuerte. Bessler hatte nämlich damit begonnen, von Schaulustigen für die Vorführung des Rades Eintrittsgeld zu verlangen. Die Stadt Merseburg betrachtete die Erfindung deshalb als Erwerbsunternehmen.

Am schwersten wog jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt auf kürfürstliche Weisung auch die Ermittlungen gegen Besslers Ehefrau und seine Dienstmagd wegen der gemeinschaftlichen Tötung eines neugeborenen (unehelichen) Kindes wieder aufgenommen und nun rigide geführt wurden. (Dieser Sachverhalt wird im Zusammenhang mit der Dienstmagdaffäre weiter unten noch genauer geschildert.) Da der Dresdner Hof diese Weisung erst Jahre nach dem Vorkommnis erteilte, liegt die Vermutung nahe, dass dies aufgrund einer Einflussnahme des dort in gutem Ansehen stehenden Andreas Gärtner geschah. Dieser verfolgte ganz offensichtlich das Ziel, Bessler nun nachhaltig zu schaden. Nachdem dessen Erfindung in Merseburg öffentlichkeitswirksam rehabilitiert worden war, hat sich Gärtners Hass erkennbar weiter gesteigert.

Um die beiden Damen vor einer Strafverfolgung durch die sächsische Justiz zu bewahren, fasste Bessler den Entschluss, seiner Heimat dauerhaft den Rücken zu kehren. Landgraf Carl von Hessen-Cassel hatte ihm bereits einige Zeit zuvor angeboten, nach Cassel*) zu kommen. Deshalb folgte er nun der Einladung und verlegte im Frühsommer 1716 seinen Wohnsitz nach dort. Das Rad nahm er nicht mit, sondern zerstörte es. Mit dreieinhalb Metern Durchmesser wäre es auf mehr als 200 Straßenkilometern nicht nur kaum zu transportieren, sondern des Nachts vor neugierigen Zeitgenossen auch nicht zu schützen gewesen. Ein solcher Umzug dauerte mit dem Pferdewagen damals mehrere Tage.

*) Cassel heißt seit 1926 Kassel. Auch Carl wurde posthum in Karl “umbenannt”. Da sich in Geschichtsschreibung und Literatur diese Schreibweise des Landgrafen durchgesetzt hat, soll sie auch hier ausschließlich so verwendet werden.  

 Karl von Hessen-Cassel

(1654-1730)

Karl war von Leibniz auf Besslers Erfindung aufmerksam gemacht worden. Da er ein technisch überaus interessierter Mensch war und für Neuerungen eine starke Faszination verspürte, gewährte er dem Erfinder Aufenthalt auf Schloss Weißenstein und ermunterte ihn, ein neues Rad zu bauen. Er ernannte Bessler zum Kommerzienrat und zahlte ihm ein Gehalt. Allerdings knüpfte Karl es an die Bedingung, dass der Erfinder ihn in sein Geheimnis einweihen würde. Bessler, der sich nun in einer Abhängigkeit befand, hatte im Grunde keine Wahl. Nachdem Karl versprochen hatte, niemandem etwas zu verraten, stimmte er zu. Er begann alsbald mit der Arbeit und hatte im August 1717 ein neues Rad fertiggestellt. Der Landgraf durfte  hineinschauen und war von der Einfachheit des Mechanismus’ überrascht. Seine Reaktion: “Sehr erstaunlich, dass darauf noch keiner gekommen ist. Das könnte jeder Zimmermannslehrling bauen.”   

In der Zwischenzeit war Besslers Todfeind Gärtner jedoch nicht tatenlos geblieben, sondern hatte sein hasserfülltes Treiben gegen ihn fortgesetzt. Offenbar hatte er sich vorgenommen, weiter zielgerichtet daran  zu arbeiten, Bessler zu erledigen. Er veröffentlichte mehrere Hetzschriften, die dessen Ansehen weiter ruinieren sollten und die in der Tat nicht geeignet waren, unbeachtet zu bleiben. Gärtners Taktik war, Bessler auf eine Art herauszufordern, die dieser vermutlich nicht würde ignorieren können, die aber nach Gärtners Plan geeignet sein würde, Bessler dauerhaft zu diskreditieren. So forderte Gärtner öffentlich, dass Besslers Maschine einem vierwöchigen Dauertest unterzogen werden müsste. In dieser Zeit sollte niemand das Rad berühren dürfen. Eine dauerhafte Bewegung sei schließlich das, was Bessler immer selbst von seinem Rad behauptet hätte. Wenn ihm dies gelänge, sollte Bessler von Gärtner 1000 Taler erhalten. Bei einem Fehlschlag hätte Bessler jedoch an Gärtner dieselbe Summe zahlen sollen. Ein schlauer Plan, der Gärtner reich machen, Bessler jedoch finanziell ruinieren und seinen Ruf für alle Zeiten zerstören sollte. Dadurch ergab sich nun eine ähnliche Situation wie die, die in Merseburg zur Durchführung der dortigen Prüfung geführt hatte.

So kam es, wie von Gärtner beabsichtigt. Um nicht das Gesicht zu verlieren, nahm Bessler die Herausforderung an. Er bat den Landgrafen um Unterstützung  für einen Langzeittest. Nachdem die Vorbereitungen dafür abgeschlossen waren, wurde am 12. November 1717 zunächst von einer Kommission gründlich überprüft, dass bei Besslers Rad auf Schloss Weißenstein alles mit rechten Dingen zuging. Dabei orientierte man sich an dem Ablauf der Prüfung von Merseburg und inspizierte nicht nur die Radlager und die Nachbarräume, sondern verlangte von Bessler, dass sein Rad vor aller Augen an einen anderen Ort umgesetzt wurde. Anschließend versiegelte man den Raum und ließ ihn ständig bewachen. 

Schloss Weißenstein. Gemälde von Tischbein d.Ä.

Am 4. Januar 1718 wurde der Test beendet. Das Rad hatte die ganze Zeit schadlos überdauert und bewegte die Stampfhölzer so zuverlässig wie zu Beginn. Verstrichen waren insgesamt 54 Tage, also eine deutlich längere Zeit, als Gärtner es gefordert hatte. Bessler triumphierte.

In der Folgezeit schrieb Bessler mehrere Bücher, die sich ausnahmslos mit seiner Erfindung beschäftigten. Er wollte damit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt werden und auf diese Weise einen Käufer für sein “Perpetuum Mobile” finden. Landgraf Karl hielt weiterhin seine schützende Hand über ihn. Er war der einzige, der sein Geheimnis kannte. Das Versprechen, es niemandem zu verraten, hat er übrigens bis zu seinem Tode (1730) gehalten. Im Jahr 1721 überließ er Bessler ein Haus in Carlshaven, in dem dieser fortan mit seiner Familie lebte.

Die Ära auf Schloss Weißenstein war für Bessler damit zu Ende. Sein neuer Wohnort (nördlich von Kassel) war 1699 gegründet worden, hieß zunächst Sieburg und wurde erst vier Jahre vor seinem Umzug in “Carlshaven” umbenannt. Karl ließ hier einen Weserhafen bauen, (daher der neue Name), und ab sofort die Güter von dort aus auf dem Landweg nach Cassel transportieren. Auf diese Weise wurde Hannoversch Münden umgangen, das durch die Ausübung seines Stapelrechts bis dato den Gütertransport über die Weser und die Fulda bis nach Cassel erheblich verzögert und verteuert hatte. Karl empfand das als großes Ärgernis, wollte jedoch keinen Konflikt mit dem Kurfürstentum Hannover heraufbeschwören.    

Bad Karlshafen. Inmitten der Häuser das alte Hafenbecken.

Alsbald wurde mit dem Bau einer künstlichen Wasserstraße von Carlshaven über Cassel nach Marburg begonnen, um eine Verbindung von der Weser über die Lahn bis zum Rhein zu schaffen. Dazu nutzte man als Beginn den unteren Flusslauf der Diemel, die an jener Stelle in die Weser mündet. Sie wurde bis Trendelburg schiffbar gemacht. Dort begann dann der eigentliche Kanal, der jedoch von Anfang an mit niedrigen Wasserständen zu kämpfen hatte und deshalb nur vier Jahre lang bis Hümme befahren wurde. Erst nach der Herstellung einer Verbindung zur Fulda hätte genügend Wasser zur Verfügung gestanden. Als Karl 1730 starb, wurde das Projekt wegen der hohen Kosten nicht länger verfolgt.      

1730 entdeckte man in Carlshaven salzhaltiges Wasser. Den Zusatz “Bad” erhielt die Stadt jedoch erst im Jahr 1977.

Links der Schlussstein einer Eingangstür, der die Buchhandlung Schäfer in der Conradistraße 2 schmückt. Dem Eigentümer des Hauses war es ein Anliegen, den ehemaligen Mitbürger seiner Stadt auf diese Weise zu ehren.

Karlshafen befindet sich im äußersten Norden von Hessen genau dort, wo Letzteres mit Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ein Dreiländereck bildet. Die Weser ist hier zugleich die Grenze, nördlich beginnt das Weserbergland. Das später erwähnte Fürstenberg ist nur ca. 15 Kilometer entfernt, liegt aber bereits in Niedersachsen. 

 

Im Vordergrund das Hafenbecken. Der rote Pfeil bezeichnet Besslers ehemaliges Haus, das heute in 34385 Bad Karlshafen, Hafenplatz 10-12 das “Café Sieburg” beherbergt. Es grenzt unmittelbar an das rechts daneben gelegene Rathaus an. Zwischen beiden Gebäuden soll es eine Geheimtür gegeben haben, die Bessler gelegentlich nutzte, um den tagenden Stadtrat zu belauschen. Er lebte ständig in der Sorge, dass man etwas gegen ihn ausheckte. Und dies war auch nicht ganz unbegründet, denn er hatte sich durch zahlreiche Eingaben an Landgraf Karl bei den Ratsherren unbeliebt gemacht. Da er sich immer und immer wieder über von ihm so empfundene Missstände in Carlshaven beschwerte, galt er bei ihnen als notorischer Querulant.

Besslers Haus wurde nach seinem Tod durch dessen Witwe verkauft. Am Ende dieser Biographie finden Sie den Text eines Inserats, das damals von ihr in den “Braunschweigischen Anzeigen” platziert wurde. Er enthält eine Beschreibung der einzelnen Wohnräume, des Hintergebäudes und des Gartens sowie des dazugehörigen Wiesen- und Ackerlandes. Die Hofeinfahrt mit dem halb geöffneten rechten Flügel ist im Inserat als “grosser Thor-Weg” beschrieben. Hier gelangte man früher mit dem Pferdewagen zur Stallung. Heute ist es der Zugang zu Mietwohnungen im Hinterhaus. Am linken Bildrand befindet sich der Eingang zum Café.    

Vor dem 2. Weltkrieg aufgenommenes Luftbild des Karlshafener Hafens. Aus der Sicht des Betrachters führt nach links eine nicht mehr schiffbare Verbindung zur Diemel, über die auch heute noch ständig Wasser in den Hafen einfließt. Damit das funktioniert, wird die Diemel etwas flussaufwärts gestaut und das Wasser in einem parallel zum Fluss verlaufenden Kanal zum Hafen geführt. Rechts unter der Straßenbrücke, (die zunächst eine Zugbrücke und danach zeitweilig eine Drehbrücke war), befindet sich heute ein Wehr, das den Pegel im Hafen festlegt. Überschüssiges Wasser fließt darüber hinweg und gelangt durch die stillgelegte Hafenschleuse zur Weser.  

Links oben die ehemals schiffbare Verbindung zur Diemel. Bei der im Hintergrund sichtbaren Straßenbrücke handelte es sich früher ebenfalls um eine Zugbrücke. Das auf diesem Weg einfließende Wasser sorgt für einen stetigen Austausch im Hafenbecken, das übrigens nicht immer geflutet war. In seiner fast dreihundertjährigen Geschichte war der Hafen zeitweilig auch trocken gelegt und diente u.a. als Weidefläche für Ziegen. Heute ist er optische Attraktion für Kurgäste und Touristen.  

Ein Blick auf die ehemalige Hafenschleuse. Durch die dauerhaft leicht geöffneten Torflügel gelangt das aus dem Hafen abfließende Wasser in die Weser. Das rechte Foto zeigt das Schleusentor von der Flussseite aus.

Gärtner, der von dem Umzug nach Carlshaven gehört hatte, nahm an, dass Bessler nun nicht mehr unter dem Schutz des Landgrafen stünde. Er veröffentlichte alsbald seine nächste Hetzschrift und beharrte unverändert darauf, im Recht zu sein. Die Publikation fand jedoch nicht mehr die erhoffte Resonanz. Verbittert starb Gärtner im Februar 1727. Links eine in seinem Geburtsort Quatitz aufgestellte Tafel, die an ihn erinnert. Der Name Zahrodnik belegt seine sorbische Herkunft. Das Wort ist die sorbische Übersetzung für “Gärtner”. Sein Bildnis lässt erkennen, dass er kein glücklicher Mensch war.  

Bessler hatte unverändert die Absicht, seine Erfindung zu verkaufen. Er forderte dafür die damals unvorstellbar hohe Summe von 100.000.- Taler. Nach heutiger Kaufkraft wird man dafür etwa 5 Millionen Euro ansetzen können. Als Kommerzienrat erhielt Bessler ein Jahresgehalt von 300 Taler. Dagegen waren 100.000 atemberaubend. Es gab einige Interessenten, aber kaum einer war bereit oder in der Lage, einen solch hohen Preis zu bezahlen. Der prominenteste Kaufinteressent war Zar Peter der Große. Er hatte anlässlich eines Kuraufenthaltes in Böhmen von der Erfindung gehört und wollte eigens eine Reise nach Carlshaven unternehmen, damit er sich die Maschine dort selbst ansehen konnte. Es kam jedoch nicht mehr dazu, denn im Februar des Jahres 1725 starb der Zar unerwartet an den Komplikationen einer Harnwegsinfektion.

Peter der Große (1672-1725)

Isaac Newton (1643-1727)

Etwa zeitgleich bildete sich in London eine Interessengemeinschaft, die bereit war, die Erfindung zu kaufen. Man vermutet, dass Newton zu diesem Personenkreis gehörte, selbst aber nicht in Erscheinung treten wollte. Der Erwerb wurde jedoch an eine Bedingung geknüpft. Landgraf Karl sollte den Geldbetrag treuhänderisch in Empfang nehmen. Anschließend sollte das Innere des Rades von dem durch die Käufer beauftragten Professor ‘sGravesande (siehe Zeitzeugen) inspiziert werden. Nur wenn sich darin tatsächlich ein Antrieb befände, der eine ewige Bewegung garantierte, sollte das Geld an Bessler übergeben werden. Jener war über diesen vorgeschlagenen Verfahrensablauf so erzürnt, dass er alle weiteren Gespräche abbrach und sein Rad zerstörte. Ein Verkauf fand also nicht statt, und daran änderte sich auch bis zum Tode Besslers nichts mehr.

Die Zweifler sehen die Zerstörung des Rades heute als Beweis dafür an, dass es ein funktionstüchtiges Perpetuum Mobile gar nicht gab, das Bessler hätte verkaufen können.  Die Entrüstung sei nur gespielt gewesen, denn dafür hätte es objektiv keinen Grund gegeben. Bei einer solch hohen Summe sei es ganz legitim, dass der Käufer eine gewisse Sicherheit hätte haben wollen. Wenn Bessler damit nicht übereingestimmt hätte, wäre es ein Leichtes gewesen, das vorgeschlagene Verfahren ganz einfach zurückzuweisen. Die zur Schau gestellte Verärgerung und die Zerstörung seien jedoch der einzige Weg gewesen, sich aus der Affäre zu ziehen. Bessler hätte den Preis über all die Jahre deshalb so astronomisch hoch angesetzt, damit er niemals in die Verlegenheit kommen würde, verkaufen zu müssen. In diesen Zusammenhang passe die Tatsache, dass Bessler die Ausschreibung des russischen Zaren ganz bewusst ignoriert hätte. Jener hatte 1713 eine Summe von 30.000.- Rubel dafür ausgelobt, dass jemand ein funktionierendes Perpetuum Mobile entwickeln würde. Die Skeptiker meinen, dass es dem nach Geltung süchtigen Bessler ausschließlich darauf angekommen sei, öffentlich für seine “Erfindung” bewundert zu werden. Dazu passe das abstoßende Getue mit “Orffyreus”. Nachdem die Londoner Gruppe wider Erwarten tatsächlich die geforderte Summe  bezahlen wollte, sei ihm gar nichts anderes übrig geblieben, als das Rad zu zerstören, um auf diese Weise einer Aufdeckung seines Betruges zuvorzukommen. Hätten die Engländer nämlich zur Rettung des Geschäftes auf den zunächst geforderten Ablauf verzichtet, (so die Zweifler), hätte Bessler ohne die Zerstörung des Rades seinen Kopf nicht mehr aus der Schlinge ziehen können. Ihm sei völlig klar gewesen, dass er niemals 100.000.- Taler für eine Maschine hätte kassieren können, die in Wahrheit nicht funktionierte. Die Sache wäre augenblicklich aufgeflogen, und man hätte ihn ins Gefängnis geworfen. Wahrscheinlich hätte ‘sGravesande den Schwindel bereits bei seiner Inspektion entlarvt, denn er wäre Fachmann genug gewesen, um nicht einem Gauklertrick aufzusitzen. Hätte Bessler ein funktionierendes Perpetuum Mobile besessen, hätte er dem geforderten Verfahrensablauf sofort zugestimmt und wäre dann über Nacht ein überaus vermögender Mann gewesen. Es widerspreche jeder Lebenserfahrung, dass jemand, der seinem Lebensziel so nahe ist, nur wegen einer Stilfrage plötzlich auf alles verzichtet.

Diese angestellten Überlegungen entbehren tatsächlich nicht einer gewissen Schlüssigkeit und sind geeignet, einen sonst unbeirrbaren Bessler-Anhänger in Zweifel zu stürzen. Ob nun zutreffend oder nicht, sie machen deutlich, dass Bessler durch sein Verhalten sehr dazu beigetragen hat, das Misstrauen gegen ihn immer wieder neu zu schüren. Die Zerstörung des Rades ist eine weitere Facette in seinem schillernden Leben und macht es auch einem wohlwollenden Biographen nicht leicht, Bessler ohne jeden Vorbehalt als untadeligen und über alle Zweifel erhabenen Menschen zu beschreiben. Dies auch deshalb nicht, weil die Unrühmlichkeiten damit noch nicht zu Ende waren. Bessler kam später sogar für kurze Zeit ins Gefängnis.

Der Verfasser neigt dennoch nicht dazu, den Betrugsverdächtigungen zu folgen. Richtig dürfte sein, dass Bessler psychische Probleme hatte. Da es in seinem Leben Personen gegeben hatte, die man milde gesagt nicht zu seinen Freunden rechnen konnte, (man denke an Gärtner oder an den aus Leipzig stammenden Wagner), litt er unter Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen. Er war hochgradig misstrauisch und hatte offensichtlich die Befürchtung, dass man nach der Inspektion seines Mechanismus’ einen Vorwand finden würde, den Kaufpreis nicht zu entrichten. Er wäre dann nicht nur um sein Geld, sondern auch um das Geheimnis seines Rades gebracht worden.

Diese Ängste waren sicher nicht ganz abwegig, denn der innere Aufbau des Rades war gemäß Landgraf Karl ja recht simpel. Eine Inspektion wäre daher für die Käufer äußerst ernüchternd gewesen. In diesem Zusammenhang ist es sogar denkbar, dass Bessler sich schämte, den Mechanismus deshalb vorher offen zu legen, weil dessen Einfachheit in keinem angemessenen Verhältnis zu der geforderten Summe stand. Vielleicht wurde er in seinem Entschluss auch wankend, weil er befürchtete, dass es mit der Bewunderung ein Ende gehabt hätte, wenn das Rad plötzlich von jedermann hätte nachgebaut werden können. Sein Nimbus als genialer Erfinder lebte bis dato zu einem erheblichen Teil von der im Dunkeln liegenden Funktionsweise seines “Perpetuum Mobiles”.

Der von den Engländern vorgeschlagene Ablauf signalisierte im übrigen, dass man Bessler nicht ungeprüft für einen Ehrenmann hielt, sondern durchaus in Erwägung zog, einen Betrüger vor sich zu haben. Die Zerstörung des Rades könnte man daher auch als neurotische Trotzreaktion bewerten, mit der Bessler das Ausmaß seiner verletzten Gefühle und die Endgültigkeit seiner Entscheidung dramatisch unterstreichen wollte. Gekränkte Menschen tun manchmal ganz unvernünftige und nicht nachvollziehbare Dinge.

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Im Herbst 1727, also drei Jahre vor dem Tod Karls, kam es zu einem Eklat. Die soeben entlassene Magd Besslers, Anne Rosine Mauersberger, gebürtig in Drebach/Sachsen, gab unter Eid zu Protokoll, dass der Dauertest auf Schloss Weißenstein von Anfang bis Ende ein Betrug gewesen sei. Im Boden sei eine lange Eisenwelle versteckt gewesen, über die das Rad von einem entfernten Raum über ein zweites Rad angetrieben worden sei. Bei diesem zweiten Rad hätte es sich um ein so genanntes Tretrad gehandelt, auf dem sie im Wechsel mit Bessler und dessen Bruder Tag und Nacht für einen Hungerlohn hätte laufen müssen. 

Bevor Frau Mauersberger 1711 als Magd in Besslers Dienste trat, arbeitete sie in derselben Funktion bei seinen Schwiegereltern, der Bürgemeistersfamilie Dr. Christian Schuhmann in Annaberg/Sachsen. (Ihr Geburtsort Drebach ist von dort nur ca. 10 km entfernt.) Die jüngste der drei Schuhmann-Töchter, Barbara Elisabeth, wurde die Ehefrau Besslers. Chronisten berichten, dass diese vor ihrer Verbindung mit Bessler ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte, das unmittelbar nach der Geburt getötet worden war. Damals durchaus keine Seltenheit, denn ein solches Ereignis bedeutete große Schande für die ganze Familie. Der Verlobte und Kindesvater hatte sich nämlich während der Schwangerschaft aus dem Staub gemacht. Da die Leiche des Neugeborenen aufgefunden wurde, erregte der Fall beachtliches Aufsehen in Annaberg. Wegen des dringenden Verdachts, an der Tötung maßgeblich mitgewirkt zu haben, wurde Frau Mauersberger verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Mittels eines (abgefangenen) Kassibers unternahm sie von dort aus den Versuch, mit Familie Schuhmann Kontakt aufzunehmen, um mit ihnen ihre Aussage abzusprechen. Dieser Vorgang wirft ein bezeichnendes Licht auf ihren Umgang mit Wahrheit. Aus heute nicht mehr genau nachvollziehbaren Gründen wurde das Verfahren jedoch (zunächst) eingestellt und Frau Mauersberger aus der Haft entlassen. Vermutlich hatte Dr. Schuhmann, der nicht nur angesehener Bürgermeister, sondern auch praktizierender Arzt in Annaberg war, darauf Einfluss genommen. Gegen seine jüngste Tochter wurde von Anfang nicht ermittelt.*). Dagegen geriet später seine Ehefrau in die Schusslinie der Obrigkeit.  

*) Soweit der Sachverhalt aufgeklärt werden konnte, waren an der Tötung die Frau des Bürgermeisters, eine der älteren Töchter sowie die Dienstmagd Anne Rosine Mauersberger beteiligt. Ob das gemeinschaftliche Handeln nach damaligem Recht die qualifizierenden Tatbestandsmerkmale des Mordes erfüllte, ist nicht bekannt. (Die Tötung eines unehelichen Kindes unmittelbar nach der Geburt wurde in der deutschen Rechtsgeschichte lange Zeit als minder schweres Delikt angesehen.) Die Kindesmutter war an dem Verbrechen aktiv nicht beteiligt. Dies dürfte aber mit ihrem geschwächten Zustand durch die gerade stattgefundene Geburt zu tun gehabt haben. Es ist nicht vorstellbar, dass die Tötung ohne ihr Einverständnis bzw. gegen ihren erklärten Willen erfolgte. Sollte sie also damit übereingestimmt haben, dürfte sie auch damals als Täterin gegolten haben.    

Man vermutet, dass die Magd deshalb in Besslers Dienste trat, um so Annaberg den Rücken kehren zu können und auf diese Weise einer erneuten Verhaftung zu entgehen. Das war aus ihrer Sicht die richtige Entscheidung, denn 1716 wurden auf kurfürstliche Weisung die Ermittlungen in Sachen Kindestötung wieder aufgenommen und diesmal rigide geführt. Dr. Schuhmann war zwischenzeitlich verstorben und konnte sich nicht mehr schützend vor seine Familie stellen. Da die Wiederaufnahme zeitlich exakt mit Besslers Umzug von Sachsen nach Hessen zusammenfiel, dürfte die Besorgnis vor einer drohenden Strafverfolgung seine eigentliche Motivation gewesen sein, die sächsische Heimat dauerhaft zu verlassen. August der Starke hatte als Kurfürst von Sachsen Zugriff auf das Territorium Sachsen-Merseburg und hätte Frau Mauersberger und/oder die Ehefrau Besslers dort verhaften und vor Gericht stellen lassen können. Im Machtbereich von Landgraf Karl war ihm das nicht möglich.

Frau Mauersberger galt als zänkisch und gewalttätig. Es wird berichtet, dass es mit ihr im Hause Bessler immer wieder zu heftigen Konflikten kam. Zum Zeitpunkt ihrer Anzeige war sie 38 Jahre alt. Sie hatte die Entwicklung des Rades in seinen verschiedenen Ausführungen hautnah miterlebt. Da Bessler häufig in wirtschaftlichen Nöten war und sich deshalb kein großzügiges Domizil leisten konnte, war räumliche Enge an der Tagesordnung. Frau Mauersberger dürfte deshalb den üblichen Tagesablauf ihres Herrn, seine Stärken und Schwächen, seine Tugenden  und Laster, die Ränkespiele, die Intrigen der Gegner sowie insbesondere die mechanischen Arbeiten am Rad bestens gekannt haben. Es ist kaum denkbar, dass Bessler das Innere des Rades jedes Mal verhängte, wenn seine Magd den Raum betrat. Zur damaligen Zeit war es völlig normal, dass Dienstboten bestens über Interna ihrer Herrschaften Bescheid wussten. Klar war aber auch, dass sie absolutes Stillschweigen zu wahren hatten. Wer Geheimnisse ausplauderte, bekam nirgendwo mehr eine Anstellung.   

Räumliche Nähe brachte es mit sich, dass Herr und Magd gelegentlich sexuelle Beziehungen pflegten. So soll auch Bessler mit Frau Mauersberger zeitweilig ein Liebesverhältnis unterhalten haben. Die Erfahrung lehrt, dass Männer dabei mitteilsam werden und gelegentlich Dinge offenbaren, die sie normalerweise geheim halten. Es ist also durchaus möglich, dass die Magd Sachkenntnisse betreffend das “Perpetuum Mobile” gehabt haben mag. Jedenfalls war die Beziehung zwischen beiden von einer Qualität, dass die Magd nach dem krankheitsbedingten Tod von Besslers Ehefrau sich große Hoffnungen machte, von diesem nun geheiratet zu werden. (Besslers erste Frau starb 1726 an Tuberkulose.) Er soll sie unter Hinweis auf das “Trauerjahr” noch eine Weile hingehalten haben. Als dann 1727 aber klar wurde, dass er eine andere zur zweiten Frau nehmen würde, kam es zu schweren Zerwürfnissen. Bessler sah sich genötigt, die Magd zu entlassen.

Gemäß Schiller können “Weiber zu Hyänen” werden. Das gilt ganz besonders bei verschmähter Liebe. Der Hinauswurf brachte das Fass jedenfalls endgültig zum Überlaufen. Es liegt also ausgesprochen nahe, dass die Anzeige der Magd ein Racheakt mit dem Ziel war, ihrem ehemaligen Arbeitgeber existentiell zu schaden. Der Verfasser begründet in einer Analyse, warum es sich dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um eine Lüge gehandelt haben dürfte. (Siehe “Die Lüge der Magd”.) Aufgrund des von ihr unterzeichneten Protokolls kam Bessler in Haft, wurde jedoch alsbald wieder auf freien Fuß gesetzt. Man nimmt an, dass die Festnahme ohne das Wissen von Landgraf Karl erfolgt war und dass dieser die Freilassung Besslers anordnete, sobald er davon erfahren hatte.   

Rückblickend ist unklar, ob der angezeigte Sachverhalt überhaupt irgendeine Strafnorm verletzte oder ob die Inhaftierung willkürlich erfolgte. Die Täuschung einer Gruppe von Sachverständigen hinsichtlich der Funktion einer Erfindung dürfte kaum strafbar gewesen sein. Die Beurteilung wäre anders, wenn Bessler sich als Folge einer Täuschungshandlung und eines daraus entstandenen Irrtums einen Vermögensvorteil verschafft hätte. Wäre zum Beispiel die von Gärtner zugesagte Summe an ihn ausgezahlt worden, obwohl das Rad in Wahrheit nicht funktionierte, hätte auch nach heutigem Rechtsverständnis ein echter Betrug vorgelegen. Die Recherchen des Verfassers führten bisher jedoch nicht zu einer Klärung der Frage, ob Gärtner jemals seine Wettschuld bei Bessler beglichen hat. Auch wäre es bedeutsam zu wissen, ob es für Straftaten damals bereits Verjährungsfristen gab. Heute könnte eine solche Tat nach 10 Jahren nicht mehr verfolgt werden.  

Nicht überliefert ist, ob gegen die Magd Ermittlungen wegen falscher Verdächtigung bzw. Meineides geführt wurden. (Offenbar konnte damals ein angezeigter Sachverhalt bereits bei der Polizei beeidet werden.) Besslers Bruder, der gemäß ihrer Darstellung in die Manipulationen verwickelt gewesen sein soll und der ihre Aussage bestätigen oder als unwahr hätte entlarven können, war nicht auffindbar. Landgraf Karl dürfte kein Interesse daran gehabt haben, die Sache vor Gericht öffentlich auszubreiten, denn als Gönner Besslers war er in dieser Sache nicht nur befangen, sondern persönlich involviert. Er, der sich zehn Jahre zuvor durch einen Blick in den Mechanismus davon überzeugt hatte, dass die Betrugsverdächtigungen unbegründet waren, hätte dann wohl oder übel als Zeuge aussagen müssen. Die Einstellung des gesamten Verfahrens wurde dadurch begünstigt, dass Andreas Gärtner zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Für ihn wäre es ein gefundenes Fressen gewesen, und er hätte wahrscheinlich versucht, die Bevölkerung zu mobilisieren.

Der bereits erwähnte Professor ‘sGravesande wurde übrigens mit der Geschichte der Magd konfrontiert. Da er Newton einen überaus positiven Bericht über die Besichtigung des Rades geschickt hatte, wäre die Sache geeignet gewesen, seinem eigenen Ruf zu schaden. Er äußerte sich wie folgt: “Ich weiß wohl, dass Orffyreus verrückt ist, aber ich halte ihn nicht für einen Betrüger. Eines weiß ich wie nur irgend etwas in der Welt: Wenn die Dienstmagd das Obige sagt, dann lügt sie.” 

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Bessler lebte danach noch fast zwei Jahrzehnte. Er blieb umtriebig und verlegte seine Aktivitäten teilweise auch in das nur wenige Kilometer entfernte Herzogtum Braunschweig.*)

*) Die Weser bildete bei Carlshaven damals wie heute die Nordgrenze Hessens. In Ost-Westrichtung verlief auf der anderen Seite des Flusses ein nur wenige Kilometer breiter Landstreifen, der zum Kurfürstentum Hannover gehörte. Das Herzogtum Braunschweig erstreckte sich nördlich davon. 

Am 30. November 1745 starb Bessler 65jährig bei Arbeiten am Neubau einer Windmühle in Fürstenberg an der Weser durch einen Sturz in die Tiefe. Als Konstrukteur des Gebäudes plante er, die dort häufig herrschenden Aufwinde durch ein sich horizontal drehendes Flügelrad zu nutzen. Wegen seines Todes wurde das Bauwerk jedoch in der vorgesehenen Weise nie fertiggestellt, sondern beherbergte dann den ersten Brennofen der durch Carl I., Herzog von Braunschweig, anno 1747 gegründeten fürstlichen Porzellanmanufaktur.

Man erkennt, wo die Welle des Flügelrades an der höchsten Stelle durch das Dach geführt werden sollte. Weil daraus nichts wurde, hat man den Schornstein des Ofens hindurchgeführt. Letzterer ist immer noch vorhanden, jedoch wurde der Schornstein entfernt und die Dachöffnung mit Blech verschlossen. 

Die unteren beiden Stockwerke werden von 1 Meter dicken Sandsteinmauern umschlossen. Offenbar war das nötig, um eine ausreichende Standfestigkeit der Mühle sicherzustellen. Das Fachwerk des oberen Teils sowie die Konstruktion des Dachs wurden aus solidem Eichenholz gefertigt. Das Bauwerk ist heute noch mit den ursprünglichen Sandsteinschindeln gedeckt.

 “Orffyreus-Mühle” in Fürstenberg. Die Natur ist bereits dabei, das leerstehende Haus von außen in Besitz zu nehmen.

Das denkmalgeschützte Gebäude ist besonders innen stark renovierungsbedürftig. Die Kosten für eine vollständige Sanierung dürften sich auf eine halbe Million Euro belaufen. Die Gemeinde Fürstenberg bietet das Bauwerk gegenwärtig für 1 Euro zum Kauf an und hofft dabei auf einen zahlungskräftigen Investor. Vielleicht findet sich jemand, der daran Interesse hat. Zu wünschen wäre, dass es sich dabei um einen geschichtsbewussten Menschen oder vielleicht sogar um einen Bewunderer Besslers handelt.  

Als Ironie des Schicksals hat die Gravitation Bessler nicht nur kein Glück gebracht, sie hat ihm durch den geschilderten Unfall sogar das Leben genommen. Das Geheimnis seines Rades nahm er mit ins Grab. Es ist müßig, im Nachhinein darüber zu spekulieren, ob er es vielleicht preisgegeben hätte, wenn sein Tod sich rechtzeitig angekündigt und ihn nicht auf diese Weise so unerwartet heimgesucht hätte.

Nachfolgend der Text eines Inserats, das die Witwe Besslers im Januar 1747 in den “Braunschweigischen Anzeigen” veröffentlichte. Der Bezug zum weit entfernten Braunschweig ergab sich durch den Umstand, dass Fürstenberg zu dieser Zeit zum Herzogtum Braunschweig gehörte. 

“Es ist in dem kleinen hessischen Städtgen Carlshafen ein recht schönes massives wohl ausgebauetes des verstorbenen Hrn. Commercien-Raths Orfireus hinterlassenen Erben zugehöriges Wohnhaus zu verkauffen. Es hat dieses Haus zwo Etagen, und befindet sich in der untersten 1 recht proportionirliche Diele, nebst einem grossen Thor-Wege, zur rechten Seite aber 1 grosse Wohn-Stube, und an derselben 1 Küche; auf der linken Seite dieses Hauses ist 1 grosse Stube, nebst 1 Speise-Cammer. In der zwoten Etage 1 schöner Voor-Saal, und zu beyden Seiten 1 schöne Stube nebst der Cammer, in der Mitte aber 1 Saal, wie auch noch 2 Zimmer, davon die Fenster in den Hof gehen. Hierbey findet sich nebst dem Hofe und Garten ein grosses massives Hinter-Gebäude worin unten Stallung und oben Zimmer sind, wie denn auch zu diesem Hause 1 an der Weser liegender 2 Morgen haltender, und mit kostbaren Obst-Bäumen versehener Garten, imgleichen 2 Morgen gutes Wiesen- wie auch 4 Morgen Acker-Land gehören. Wer dieses Haus nebst gemeldetem Zubehör zu kauffen willet, beliebe sich ohnschwer zwischen hier und bevorstehenden Ostern, bey der Frau Commercien-Räthin auf dem hiesigen Amte Fürstenberg zu melden, und von derselben weitere Nachricht einzuziehen.”  

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Hätte die Geschichte eine andere Wendung genommen, hätte Friedrich der Große in seinem Schlosspark von Sanssouci möglicherweise die Wasserfontäne mit einem großen Besslerrad betreiben können. Das Potsdamer Schloss wurde 1747 eingeweiht. Eine Windmühle sollte Wasser aus dem nahegelegenen Fluss zunächst in ein höheres Reservoir pumpen, aus dem dann gleichmäßig ein großer Springbrunnen hätte gespeist werden können. Wegen der unzureichenden Windverhältnisse am tiefgelegenen Ufer der Havel scheiterte das Projekt jedoch. Besslers Erfindung wäre dafür wie geschaffen gewesen, denn er selbst hatte wiederholt mit einer von seinem Rad angetriebenen archimedischen Schraube das Fördern von Wasser öffentlich vorgeführt. So dauerte es noch hundert Jahre, bis diese Aufgabe von einer Dampfmaschine übernommen wurde. Diese hatte dann aber auch ca. 80 PS und spie die Fontäne etwa 40 Meter hoch.

Der preußische König Friedrich Wilhelm IV., (Vorgänger von Wilhelm I.), erteilte unmittelbar nach der Übernahme seines Amtes dem Baumeister Persius den Auftrag, für die Unterbringung der Dampfmaschine und der von ihr angetriebenen Pumpe ein optisch akzeptables Gebäude zu errichten. Von 1841 bis 1843 entstand das links zu sehende Bauwerk im Erscheinungsbild einer Moschee. Selbst auf ein Minarett wurde nicht verzichtet.

Das Gebäude steht in 14471 Potsdam, Breite Straße 28, und ist heute ein Museum. Der Kessel ist nicht mehr in Betrieb, jedoch wird die Dampfmaschine zeitweise von einem Elektromotor angetrieben und kann auf diese Weise von den Besuchern immer noch bestaunt werden. Am unteren Bildrand sieht man die Havel.

Von diesem Standort aus wurde das Flusswasser über eine Distanz von 2 km bis in den Schlosspark Sanssouci gepumpt. Bei einer Fontänenhöhe von 40 Metern war ein hoher Druck erforderlich, der für die Ingenieure und das damals vorhandene Rohrmaterial eine Herausforderung darstellte. Man nahm sie aber ganz bewusst an, denn in dieser Phase der Industriellen Revolution gab es einen heftigen Wettstreit zwischen Deutschland und England, wer von beiden fortschrittlicher war und die größeren technischen Leistungen vollbringen konnte. Nur unter diesem Gesichtspunkt ist verständlich, warum man das Wasser in eine solche Höhe spritzte. Für die Besucher des Schlossparks war die Sache nämlich mit Stress verbunden. Bei Wind verteilte sich die Feuchtigkeit über eine große Fläche.

Heute hat die Fontäne eine bescheidenere Höhe und wird vor Ort von einer Elektropumpe in Gang gehalten. (Siehe nächstes Foto.)

Schloss Sanssouci in Potsdam

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